
Lesenswert, aber der Spannungsbogen hat einen Knick... :-) - Die Tatsache, dass Gruppen unter bestimmten Umständen bessere Ergebnisse liefern können als einzelne, teilweise sogar bessere als das beste Mitglied der Gruppe, ist schon interessant, und darum ist das Buch auch lesenswert. Allerdings reicht diese eine Wahrheit nicht aus, um damit 343 Seiten durchgehend spannend zu füllen. Das heißt: Das Buch hat leider Längen.Im ersten Teil wird beschrieben, wann und warum Gruppen die besseren Entscheider sind, im zweiten Teil wird differenziert und dargelegt, wann und wie Gruppen gegenüber Einzelnen versagen. Und auch darin zeigt sich ein stilistischer Mangel: die spannende Kernaussage müsste eigentlich in der zweiten Hälfte des Buches ausgebreitet werden statt schon in der ersten - um den Spannungsbogen zu halten. Aber dann wäre das Buch umso weniger lesbar, da man sich erst einmal durch das, nun zweite, weniger interessante Kapitel durcharbeiten müsste.
Gruppen schlagen Experten - Experten sind mitunter zu sehr von sich selbst überzeugt, haben auch nicht die Antwort auf alle Fragen und widersprechen einander zudem noch ständig. Gruppen bringen mehr Ideen und Informationen ein, ermöglichen Perspektivwechsel und kritisches Hinterfragen und treffen deshalb oft die besseren Entscheidungen ... könnte man Surowieckis Die Weisheit der Vielen vielleicht auf den Punkt bringen. *schmunzel* Jedenfalls dann, wenn bestimmte Bedingungen gegeben und mögliche Nachteile von Gruppen ausgeglichen sind. Wie diese Bedingungen aussehen, wie Gruppen idealerweise zusammengesetzt sein sollten, warum Individuen überhaupt als Gruppen zusammenarbeiten und welche Hindernisse dem entgegenstehen, erfährt der Leser anhand von anschaulichen Beispielen aus Wirtschaft, Wissenschaft, Gesellschaft, Politik u.a.m.Oder genauer: Er muss sich diese Erkenntnisse aus dem flüssig geschriebenen, bald 400 Seiten starken Buch mit seiner Überfülle an Beispielen selbst herausarbeiten. Praktische Zusammenfassungen in Form eines Nachschlagewerks o.ä. sucht man hier vergeblich.Wer dennoch am Ball bleibt und sich an der einen oder anderen Weitschweifigkeit nicht stört, wird mit einer neuen Sichtweise belohnt. Der Erkenntnis, dass Gruppen eben doch oft die besseren Ratgeber sind. Und sei es nur, weil sie das ermöglichen, was einem Einzelnen leicht fehlt: Mehr Ideen, Informationen, Perspektivwechsel und kritisches Hinterfragen.
Eine bahnbrechende These am Anfang des 21. Jahrhunderts - Allen hier angeführten und richtigen Besprechungen möchte ich hinzufügen, dass dieses Buch zum Wichtigsten überhaupt gehört in der jetzt kommenden vernetzten, demokratischen Zeit. Das amerikanische TIME Magazin hat zur Person des Jahres 2006 uns alle gewählt, wir alle, die im Internet unterwegs sind und beginnen, eine neue, demokratische partizipative Zeit zu leben & zu arbeiten. Dabei erklärt das TIME Magazin in den einleitenden Sätzen (googlen Sie nach Time Person of the year), dass die Geschichte der Menschheit bislang eine (nach Thomas Carlyle) Geschichte großer Männer war. Das hat jetzt ein Ende. Und dieses Buch liefert eine perfekte Vorlage dafür, die vor allem für unsere Politiker im Hinblick auf die unsägliche Elite-Diskussion lesenswert wäre. Mir war das nicht bewusst, aber ich erlebe es täglich im Netz. Was in mir bei diesen Netzarbeiten täglich wächst, ist die Demut. Denn andere wissen vieles besser als ich. Und ich kann zuhören und wir gemeinsam daraus lernen. Und alle Menschen haben eine angeborene Neigung zur Hilfe! Es gibt wohl nichts Schöneres, als anderen etwas beizubringen. Das Netz ist voller wunderbarer Lehrer!Arno Schmidt sagte in den 50ern wie schön es wäre, wenn sich alle Gehirne der Menschen vernetzen könnten. Sein Traum ist heute Realität. Die wahre Befreiungskraft und demokratische Teilhabe eröffnet die vernetzte Weisheit der Vielen, die im Internet unterwegs sind. Die sich endlich nicht mehr ein X für ein U vormachen lassen. Die TIME hat übrigens seit 2007 ein neues Redaktionskonzept, in dem teilnehmende Blogger zu Journalisten aufrücken. Die Weisheit der Vielen hat also schon Einzug gehalten in klassischen Institutionen. Ihre Kraft steht erst am Anfang. Dieses Buch sehe ich als Pflichtlektüre für alle, die sich mit dem Internet ernsthaft & positiv auseinandersetzen wollen. Das heißt natürlich nicht, dass man die möglichen negativen Effekte nicht sieht. (Siehe hierzu meine Rezension zu Denkanstöße 2007). Aber die Weisheit der Vielen kann dem Egoismus einiger weniger langfristig den Garaus machen.
Unterhalten und zum Nachdenken anregen - Vorliegendes Buch bestätigt jeden der davon ausgeht, US-Amerikanische Sachbücher seien unterhaltsamer geschrieben und umsetzungsorientierter als die meisten Deutschen. Das Buch regt zum vernetzten Denken an, indem der Autor Theorie mit sehr anschaulichen Beispielen verknüpft. Bei der praktischen Umsetzung im Unternehmensalltag sollte eine Portion Dialektik mittragen: Die Anforderungen an allerlei Kleinstprojekte sollten nicht mit denen der beispielhaft geschilderten NASA-Mission gleichgesetzt werden. Hier fehlte mir ein Hinweis auf Verhältnismäßigkeit und eine ganzheitliche Definition des Erfolgs einer Gruppe.
Viel Weisheit nicht auf den Punkt gebracht - Dem Autor geht es darum, anhand von vielen Beispielen und wissenschaftlichen Experimenten nachzuweisen, dass kollektive Intelligenz ein Schlüssel zu besseren Entscheidungen ist. Dabei konzentriert er sich auf drei wichtige Arten von Problemen:a) Kognitionsprobleme, d.h. um das Finden von Antworten auf Fragestellungen.b) Koordinierungsprobleme, d.h. um das Finden von Möglichkeiten Verhalten zu koordinieren.c) Kooperationsprobleme, d.h. um Lösungen um das Zusammenarbeiten von Menschen mit Eigeninteressen zu ermöglichen.Damit die Masse diese Probleme besser löst als z.B. ein Expertenzirkel, sind aus seiner Sicht vier Bedingungen zu erfüllen:1) Meinungsvielfalt2) Unabhängigkeit der Meinungen des Einzelnen (frei sein von der Beeinflussung durch andere)3) Dezentralisierung4) Aggregation (ein Mechanismus bündelt die individuellen Urteile zu einer kollektiven Entscheidung)Im ersten Teil des Buches beleuchtet Surowiecki seine Theorie der kollektiven Intelligenz. Aus Unternehmenssicht interessant sind insbesondere 1) der Ansatz mit Entscheidungsmärkten bessere Entscheidungen in Unternehmen herbeizuführen. 2) Personaler dürften sich auch im allgemeinen zu wenig klar sein, welches Potenzial in Neuankömmlingen im Unternehmen steckt. Diese Mitarbeitergruppe hält Surowiecki für wichtig, um die in vielen Unternehmen existierenden vorherrschenden Meinungen in Frage zu stellen. Die gescheitesten Gruppen seien die, die aus Personen mit unterschiedlichen Perspektiven bestünden. 3) Sind wirklich die Unternehmen mit den klügsten Mitarbeitern die besten im Markt? Auch das Fachwissen und -kompetenz überbewertet wird, zeigt der Autor an einigen Beispielen auf. Surowiecki gibt im zweiten Teil seines Buches viele Beispiele, die allerdings auch sehr ausführlich behandelt und besprochen werden. An vielen Stellen innerhalb eines Kapitels kommt es zu Wiederholungen. Die Kapitel hören meist unvermittelt auf. Ein wenig mehr redaktionelle Überarbeitung (und eine bessere Übersetzungsarbeit) hätte dem Buch, insbesondere im zweiten Teil, gut getan.